GAIA-X – Die Lösung für alles?

In dieser Woche fand das „GAIA-X Summit 2020“ statt. Die Veranstaltung war gespickt mit Polit- und Wirtschaftsprominenz: Peter Altmaier (Bundesminister für Wirtschaft), Bruno le Maire (franz. Minister für Wirtschaft), Thierry Breton (EU-Kommissar), Dr. Ahrens (CTO, T-Systems), Dr. Wieland (VP Google), PH.D. Hunter (VP IBM), C. Klynge (VP Microsoft), M. Peterson (VP Amazon) und viele andere. Wenn so viel Prominenz bei einem Summit präsent ist, dann muss die Veranstaltung einiges zu bieten haben – zum Beispiel die Europäische Cloud.

Was ist GAIA-X?

Das Cloud-Computing ist mittlerweile ein gewichtiger Faktor bei modernen Geschäftsmodellen. Insbesondere bei Anwendungen der Künstlichen Intelligenz oder der hochfrequenten Verarbeitung von Daten im Umfeld von Smart City, Smart Home & Co wird fast ausschließlich auf Computerleistung aus der Cloud gesetzt. Hier dominieren wenige Hyperscaler wie Amazon, Google/Alphabet, Microsoft und IBM den Markt. Diese Dominanz ermöglicht den Anbietern konkurrierende Geschäftsmodelle in ihrem Sinne zu beeinflussen oder gar zu unterdrücken. (Siehe u.a. Klagen der EU-Kommission gegen Amazon und Google)

Die Einführung der europäischen Datenschutzgrundverordnung (EU-DSGVO) in 2016 hat einen weiteres Themenfeld beim Cloud-Computing in den Vordergrund gestellt: Die Nutzung der personenbezogenen Daten. Hier ist es besonders das fehlende bzw. nicht-sichere Konstrukt der Datenverarbeitung durch Unternehmen außerhalb der Europäischen Union, insbesondere von amerikanischen und chinesischen Unternehmen.

Hier setzt das Projekt GAIA-X an: GAIA-X wird Infrastruktur- und Service-Anbietern ein sichere und vertrauenswürdige Cloud-Umgebung ermöglichen. Dazu sollen folgende Mehrwerte geschaffen werden:

  • Souveräne Entscheidung über datenbasierte Geschäftsmodelle wird ermöglicht (keine Einschränkung durch dominante Marktteilnehmer)
  • branchenübergreifende Kooperationen, um den Wert von Daten zu aggregieren und zu steigern, wird unterstützt
  • Regeln und Standards für kooperative Ansätze, einschließlich der rechtskonformen Nutzung von Daten, fördern faire und vertrauensvolle Geschäftsmodelle
  • Modelle und Regeln der Datenmonetarisierung reduzieren die Komplexität und die Kosten der Kommerzialisierung von Daten
  • branchenbergreifende Zusammenarbeit zur Schaffung föderaler, interoperabler Services wird ermöglicht
  • Erleichterter Zugriff auf sichere, vertrauenswürdige und moderne IT-Infrastrukturen (Automatisierte Services und API-gesteuerte Infrastrukturen)
  • Verlust von Unternehmensdaten durch Erkennung und Erhaltung von Schutzklassen und Regelungen zur Vertraulichkeit beim Austausch von Daten wird deutlich reduziert

Was ist geplant?

Das Projekt wird von der internationalen Vereinigung GAIA-X AISBL in Brüssel geleitet. Im Wesentlichen sollen vier Dokumente im Jahr 2021 erarbeitet werden:

  • Policy Rules. Die Policy Rules beschreiben Regeln und Anforderungen an Infrastruktur, Daten und Software, um sicherzustellen, dass die Implementierung und Nutzung der GAIA-X Komponenten / Services den Zielen des Vorhabens entsprechen
  • Architecture of Standards (AoS). Das AoS-Dokument beschreibt den geregelten Prozess zur Integration und Anpassung vorhandener Standards für relevante Aspekte von GAIA-X. Dazu zählen regulatorische, technische und branchenspezifische Standards
  • Technical Architecture Document. Das Dokument beschreibt die Technische Architektur der GAIA-X Infrastruktur, entsprechend unterschiedlicher Architekturperspektiven
  • Federation Services Specification. Die Regeln und Anforderungen an die Federation Services (Identitäts- und Vertrauensmanagement, Daten-, Service- und API-Kataloge, Datenaustausch und -management, Compliance Management) werden in diesem Dokument beschrieben
GAIA-X Roadmap

Für September sind neben ersten Implementierungen der Federation Services (Prototypen) lediglich Demonstrationssysteme geplant. Statt unter Nutzung der geplanten Federation Services werden diese Systeme vermutlich mittels direkter Kommunikation zwischen Betreiber und Nutzer entwickelt. Für ein sinnvoll einsetzbares GAIA-X fehlen voraussichtlich zu diesem Zeitpunkt:

  • Hinreichend verfügbare Angebote zum Cloud-Computing
  • Implementierte Service Repositories zum Beschreiben und Abrufen von Daten und Services
  • Prüf- und Zertifizierungsinstanzen für das vertrauensvolle Nutzen von bereitgestellten Daten und Services
  • Branchenspezifische Datenmodelle (Data Spaces) für den Datenaustausch und die Datenaggregation
  • Implementierte Mechanismen zur Wertschöpfung der Daten, Sicherstellung der Service Level und des Identitätsmanagements

Damit scheint für die meisten Unternehmen insbesondere für KMUs eine geschäftsmäßige Nutzung des Systems nicht vor 2023 möglich oder zumindest sinnvoll zu sein.

Was kann ich tun?

Wenn auch die Zeit bis zur Verfügbarkeit einer Infrastruktur auf Basis, der vom GAIA-X Konsortium entwickelten Prinzipien und Architekturen lang erscheint, ist es dennoch sinnvoll für Unternehmen und Verbände sich bereits jetzt mit GAIA-X zu beschäftigen und Möglichkeiten zur Nutzung zu prüfen.

Geschäftsmodelle. Geschäftsmodelle sollten bereits jetzt entwickelt und Prototypen erstellt werden, um die Möglichkeiten und Erfordernisse zu evaluieren. Besonders die von GAIA-X gesetzten Prämissen und Ziele ermöglichen neue Bewertungen der möglichen Geschäftsaktivitäten. Beispiele solcher Geschäftsmodelle (hier Use Case genannt) finden sich auf der GAIA-X Homepage.

Data Spaces / Semantische Datenmodelle. GAIA-X benötigt einheitliche Datenräume zum Datenaustausch und der Möglichkeit zur Datenaggregation. Da solche Vereinheitlichungen erfahrungsgemäß langwierig sind, sollte bereits jetzt damit begonnen werden diese zu entwickeln und in entsprechenden (Verbands-) Gremien zu verhandeln.

Monetarisierung von Daten. Eines der großen Versprechen von GAIA-X ist die Möglichkeit der Daten-Monetarisierung. Unternehmen sollten sich bewusst machen, welchen Wert sie ihren Daten beimessen und welcher Gegenwert dafür erwartet wird. Hier ist entscheidend, frühzeitig im Unternehmen Einigkeit über mögliche Kompensationen zu erzielen.

Zusammenfassung

GAIA-X verspricht eine sichere und vertrauenswürdige Infrastruktur für faire und transparente Geschäftsmodelle auf Basis der Werte der Europäischen Union. Auch wenn eine geschäftsmäßige Nutzung voraussichtlich erst im Jahr 2023 für die Mehrheit der Unternehmen sinnvoll sein wird, ist es doch wichtig sich bereits jetzt mit GAIA-X auseinander zu setzen und die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Implementierung neuer Geschäftsmodelle zu erarbeiten.

Auch wenn der Erfolg der Initiative GAIA-X nicht selbstverständlich ist und einige wichtige Fragen bisher ungeklärt sind, so sind die genannten Tätigkeiten (im Falle eines Scheiterns von GAIA-X) für Unternehmen und Verbände nicht wertlos. Am Beispiel der Mobilitätsbranche zeigt sich wie fehlende Geschäftsmodelle, uneinheitliche Datenmodelle und Missverständnisse bei der Daten-Monetarisierung zu inneffektiven (IT-) Systemen führen können.


Referenz
Titelbild von Gerd Altmann auf Pixabay
GAIA-X Roadmap: Screenshot aus Präsentation vom GAIA-X Summit
GAIA-X Website: www.data-infrastructure.eu/GAIAX/
GAIA-X beim BMWI: www.bmwi.de/gaia-x
GAIA-X „Technical Architecture“ auf www.data-infrastructure.eu
GAIA-X „Policy Rules and Architecture of Standards“ auf „www.data-infrastructure.eu“

Share

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.